Das Leben ist kein Fahrrad

Leben ist kein Fahrrad, Das

Biljana Srbljanovics "Das Leben ist kein Fahrrad" in den Kammerspielen


Mit: Xenia Snagowski (Nadezda), Dieter Hufschmidt (Papa), Henrik Schubert (Fähnrich Jokic), Kristina-Maria Peters (Die Dicke), Jürgen Hartmann (Ropac), Anke Zillich (Dame), Andreas Grothgar (Aleksa)Die serbische Autorin Biljana Srbljanovic, 41 Jahre alt, erhielt vor zwei Jahren die Einladung, eine Rede im Wiener Burgtheater über ihr Verhältnis zu ihrem Heimatland Serbien zu halten. Diese Rede war beeindruckend persönlich, spricht sie doch bewegend vom Tod ihres Vaters, aber auch über dessen Leben in einem Land in Zeiten politischer Veränderungen und Umbrüche. Als sie die Einladung erhielt, saß sie gerade im Wartezimmer eines Belgrader Militärkrankenhauses, an ihrer Seite ihr Vater. Ein Mann, der ein Leben lang nicht krank gewesen war, jetzt ein hinfälliger, grauer Greis. In ihrer Rede beschreibt Srbljanovic detailliert, mit wie viel Zärtlichkeit sie diesen Vater, der immer eine Heidenangst vor dem Tod hatte, betrachtet – früher ein Mann wie ein Baum, der oft die Hand auch gegen die eigene Tochter erhob, und nun gerade im Militärkrankenhaus („…die auseinander gefallene, unfähige Armee unterhält auch weiterhin das beste Krankenhaus der Stadt“) widerwillig zur Behandlung antritt, von seiner Tochter mit allerhand Tricks dazu genötigt. Diese autobiographische Situation bietet den Stoff für die Eröffnungsszene, in der Nadezda, das Alter Ego der Autorin, mit ihrem Vater im Warteraum des Krankenhauses sitzt, das er nicht mehr verlassen wird. Im selben Hospital stirbt auch der orthodoxe Patriarch. Ihm gilt alle Aufmerksamkeit der Ärzte und Schwestern. Sein Tod bzw. seine Beisetzung werden zelebriert und im Fernsehen übertragen. Die Glocken begleiten das Gespräch zwischen Vater (bewegend und intensiv als sturer, verletzender und doch auch verletzter Papa: Dieter Hufschmidt) und seiner erwachsenen Tochter, die sich nicht von ihm lösen kann. Xenia Snagowski (glänzend) spielt sie sehr ambivalent: mal behandelt sie den Greis rechthaberisch und auch aggressiv, dann wieder äußerst liebevoll und tröstend. Parallel läuft die Geschichte der alternden, abgehalfterten Politikerin (ätzend gut: Anke Zillich), die per Telefoninterview versucht, wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Genervt von ihrem Sohn Aleksa. Der, ein Psychiater, der nur im Krankenhaus groß auftrumpft (gut: Andreas Grothgar), ist nach seiner Scheidung wieder bei seiner Mutter eingezogen. Das Eltern-Kind-Motiv spielt auch die entscheidende Rolle im dritten Erzählstrang. Die fünfzehnjährige frühreife „Dicke“ (Kristina-Marina Peters gibt überzeugend die Lolita) sieht ihren Vater nie. Dabei bleibt unklar, welche obskuren Geschäfte ihn von zuhause fern halten. Einsam wirft sie sich dem damit überforderten fünfzigjährigen alkoholkranken Ropac (Jürgen Hartmann) an den Hals. Das Bühnenbild präsentiert eine kalte, in gleißendes weißes Licht getauchte Welt. Neonröhren sind über den Boden verstreut, im Hintergrund die Projektion einer Straßenansicht. Zwei Krankenhausbetten, ein Stahlkühlschrank und eine Sitzecke sind die wenigen Requisiten. Kühl wie das Licht auch die Atmosphäre. Ein Gypsymusik-Trio setzt immer wieder atmosphärische Akzente. Die Personen – jede für sich isoliert – irren auf der Suche nach Gemeinschaft umher, voller Angst vor der Zukunft. Anselm Weber bezeichnet Srbljanovics Welt als „Zwischenland“ – eine Welt zwischen Leben und Tod, zwischen Kriegs- und Nachkriegssituation. Die Geschichte von Nadezda und ihrem Vater ist die Klammer, die alle Erzählstränge zusammenhält. Zweifellos auch thematisch die eindrucksvollste Episode. Einerseits wiederholt Bezug nehmend auf Serbien, dieses zerrissene Land, andererseits beklemmend intensiv in der Art, in der sie zwischenmenschliche Beziehungen in all ihren Unzulänglichkeiten beleuchtet, und damit weit über ein einzige Nation hinausweisend. Die Inszenierung Anselm Webers spiegelt die Suche nach Identität, aber auch die entsetzliche Leere und die Unfassbarkeit des Todes beklemmend wieder. Ein Abend großer Schauspieler, den man nicht so schnell vergisst.

Regie: Anselm Weber
Bühnenbild: Raimund Bauer
Kostüme: Meentje Nielsen
Musik: Gregor Hengesbach mit Nils Imhorst und Jan-Sebasti
Dramaturgie: Thomas Laue
Licht: Bernd Felder
Premiere am: 2011-12-03

Karten: http://www.boropa.de/

[Zur Kritik]weiter

Aktuelle Kommentare

Rechnitz (Der Würgeengel)
yaoxuemei

24 Stunden - Stück 2: Was tun bei Schräglage?
IDN Sport

Jack und Jill
purchase_cialis

Fantasma
viagra

Metamorphosen
YUY

24 Stunden - Stück 2: Was tun bei Schräglage?
IDN Poker


© 2001-2010 mehrfilm GbR | Impressum | Hilfe | Werbemittel | Zugang nur mit Passwort Intern |